Utopia

Posted by admin on April 15, 2013

 

 Utopia ist ein Bilderbuch im Fernsehen. In satten Farben und von einer Gewalt, als hätten sich Peter Greenaway, David Lynch und Tim Burton auf einem Trip in Alices Wunderland mit der kiffenden Raupe auf dem Pilz und dem Geist der größten Maler, SciFi Autoren und Punkrock Legenden vereint.

 

Aus dem Reigen der Serienhighlights, die in diesem Jahr beginnen sticht ein Werk besonders hervor. Es ist die englische Serie Utopia, die vom 15. Januar bis 19. Februar auf Channel 4 ausgestrahlt wurde. Produziert von Kudos, die sich langsam, aber sicher, einen Namen als eine der besten Produktionsfirmen der Welt erarbeiten.

 

Utopia ist ein kulturelles Erdbeben, dass nicht nur TV Geschichte schreiben wird, sondern sich tief in die Nervenbahnen unseres kulturellen Gedächtnisses einschreiben wird, gleich den besten Werken von Orson Welles und Fritz Lang.

 

 

Der Plot:

Der Comic The Utopia Experiments ist Kult, leider gibt es keine Fortsetzung, dieser düsteren Graphik Novell. In einem Chatroom, der sich allein diesem Thema widmet, verabreden sich die vier Comicfans Ian Johnson (ein junger IT-Experte), Becky, Wilson Wilson (eine Art Verschwörungstheoretiker und Survival Spezialist) und Grant Leetham (ein 11 Jähriger, der eine völlig andere Identiät vortäuscht) mit Bejan Chervo, der behauptet, im Besitz des Manuskriptes von Band 2 zu sein.

Während noch die Verabredung für das Treffen läuft, besuchen die beiden Killer Arby (man beachte die Performance von Neil Maskell genau, hat sich Jean Reno in Leon, der Profi noch wie ein Huhn bewegt, haben wir es hier mit einer fettleibigen Ente zu tun) und Lee einen Comicladen und töten, nachdem sie keine Antwort auf ihre Frage „Where is Jessica Hyde?“ bekommen, alle Anwesenden. Eine der Besonderheiten Utopias ist es, dass schon in dieser Eingangssequenz eine, für das Fernsehen ungewöhnliche, Härte etabliert wird. In Utopia werden auch Kinder ermordet, es ist Teil der Geschichte - nicht erst nach dem Fund einer Kinderleiche, die den Zuschauer vorher nicht lebend erreichte. In Utopia wird niemand verschont, das ist von Bedeutung für die Rezeption und den Fortgang der Geschichte.

Das Treffen zwischen den Comicfreunden aus dem Chatroom und Bejan wird nie stattfinden, weil Arby und Lee vorher in Bejans Wohnung auftauchen und ihn, nachdem sie erneut nach Jessica Hyde fragen, vom Balkon werfen. Allerdings ist der extrem misstrauische, wie auch neugierige Grant anwesend, der während des Fenstersturzes das Manuskript ergattert und flieht.

Von diesem Moment an sind alle, die zu dem Treffen eingeladen waren, in Gefahr. Ian und Betty sehen sich bald mit der Macht der Strafverfolgungsbehörden konfrontiert, die sie wegen Verbrechen suchen, die sie nicht begangen haben, Wilson Wilson wird brutal gefoltert, wobei er ein Auge verliert.

In einem erzählerischen Nebenstrang erfährt der Zuschauer etwas über ein Medikament gegen die russische Grippe, die sich als Bedrohung für die Bevölkerung der Insel abzeichnet und lernt Michael Dugdale kennen, der im Gesundheitsministerium arbeitet und sich gerade einer Erpressung ausgesetzt sieht, weil er eine russische Prostituierte geschwängert hat.

Schnell wird deutlich, dass in den Ministerien Menschen die Fäden ziehen, denen nicht allein am Wohl des Volkes gelegen ist, sondern die ganz andere Interessen verfolgen.

Die Comicfreunde fliehen in ein leeres Haus, wo sie von der mysteriösen Unbekannten Jessica Hyde aufgespürt werden.

Für diesen Verlauf bräuchten andere Serien eine erste Staffel. Hier wurde nur die erste Folge von Utopia angerissen.

 

Utopia ist ein Rhizom. Molare und Molekulare Verbindungen laufen scheinbar unentwirrbar durcheinander, der Ursprung ist nicht auszumachen, das Ende nicht abzusehen. Es wuchert wild und doch von bestechender Schönheit, wie eine Wiese im Frühling – obwohl wir wissen, dass sie nach einem trockenen, heißen Sommer nur noch als brauner Fleck vor uns liegen wird.

 

Neben dem exzellenten Drehbuch und einer überragenden Kamera ist das Casting hervorzuheben. Utopia ist bis in die Nebenrollen brillant besetzt. Nach dem 11 jährigen Grant kommt bald der noch jüngeren Alice, bei der Grant das Manuskript versteckt und die deshalb ihre Mutter verlieren wird, eine große Bedeutung zu. Diese Rollen sind harter Tobak, hierzulande undenkbar, und sie werden beunruhigend glaubhaft gespielt.

Die drastische Brutalität der Serie wurde Dennis Kelly, ihrem Erfinder, selbstverständlich von den üblichen Verdächtigen zum Vorwurf gemacht. In einem Interview bemerkte er dazu sehr klug:

 

„Die einzige Gewalt, die ich anstößig finde, ist Brutalität, die nicht schockiert. Jedes mal, wenn ich im wirklichen Leben Gewalt gesehen habe – jedes mal, wenn in meiner Nähe Gewalt angewandt wurde oder ich involviert war – war es schockierend. Es war jedes Mal furchtbar. Und wenn du so etwas, wie das hier machst, du die Idee hast, dass es für die Geschichte richtig ist, dann musst du es machen, wenn du kein Feigling bist. Natürlich ist es leichter, es bleiben zu lassen, damit die Leute es einem nicht übel nehmen.“

 

Gewalt ist keine schöne Angelegenheit. Sie tut weh. Das darf in der Kunst ausgesprochen und dargestellt werden. Vielmehr: muss. Kelly hat recht. Deutlich perverser sind die Action Stars, die sich, immer mit gutem Grund, durch die Handlung killen und von Anfang bis Ende das Gute verkörpern. Auch der klassische Einwand der Kritiker, dass die Darstellung von Gewalt unreife Zuschauer zur Anwendung derselbigen verführen könne, ist scheinheilig. Hat die Inquisition das Fernsehen gebraucht, um sich die ekelhaftesten Foltermethoden auszudenken? Menschen, die sich im Recht wähnen, haben schon immer eine unglaubliche Kreativität bewiesen, anderen Leid zu zufügen.

 

Utopia ist brutal, dystopisch und erschüttert mit seinen Fragen die Grundfesten unserer Moral. Ethische Gewissheiten, die wir uns zu erzählen gewohnt sind, verlieren ihre unbedingte Gültigkeit.

 

Aber was die Qualität der Geschichte ausmacht, ist, dass Utopia nicht auf der Bilderebene stecken bleibt, sondern der Zuschauer im Fortlauf der Handlung an tiefere ethische Fragen herangeführt wird, die sich nicht nur schwer beantworten lassen, die vielleicht unentscheidbar sind. Utopia handelt von einer riesigen Verschwörung, von einer Gruppe, die schon zu Zeiten des kalten Kriegen die Fäden zog. Diese Gruppe erhält keinen anderen Namen, als „das Netzwerk“. Ihr verdankt die Menschheit unter anderem SARS, AIDS und BSE. Natürlich wird das bereits erwähnte Medikament gegen die russische Grippe noch eine Rolle spielen. Es wird um die Frage gehen, ob es vertretbar ist, die gesamte Menschheit in eine Katastrophe der Überbevölkerung laufen zu lassen, in der es zu Verteilungskämpfen kommen wird, die Geschichtlich keine Entsprechung haben, oder ob es sinnvoller ist, die Weltbevölkerung vorher künstlich zu verkleinern. Und: Wer soll diese Frage beantworten? Es gibt auf diese Frage keine befriedigende Antwort. Egal, wie entschieden wird, es wird in jedem Fall sehr viel Leid in Kauf genommen werden müssen.

 

Utopia ist keine gute Serie, Utopia ist ein ultrabrutales, herausragendes Meisterwerk.

 

Gestalterisch ist Kelly auch der Verdienst anzurechnen, die Geschichte der Comicfans ohne Cliffhanger abzuschließen. Dennoch schreit diese Serie nach einer Fortsetzung.

Utopia ist Distopia – die Zukunft der Menschheit. Wir stehen an der Schwelle und klopfen an die Tür. Was dahinter liegt, ist das Grauen.

Martin B. Münch